Ralf Wagner
[12.8. 2001]
Vorbild oder Feindbild?
zu: Das Vorbild sieht alt aus - Statistiker rechnen Amerikas
Wirtschaftswunder klein
von Christian Tenbrock in Die Zeit Nr. 33/2001
Seit die amerikanische Wirtschaft
nicht mehr so recht floriert sprechen plötzlich auch die, für
die sie eigentlich immer mehr Feinbild war, von
"Vorbild" - natürlich vom einen "ehemaligen"
oder vom "vermeintlichen", auf jeden Fall von einem,
welches für Europa nicht taugt. War während der
zurückliegenden Dekade, in welcher in den USA die Beschäftigung
permanent wuchs und trotz wachsender Bevölkerungszahl die
Arbeitslosigkeit ebenso beständig abnahm, von den
Regulierungsstrategen eines auf einer hohen
Massenarbeitslosigkeit und Wachstumsschwäche sitzenden Europa
vor allem ideologische Standfestigkeit gefragt, so machen sie
sich nun an eine statistische Aufarbeitung - und versagen erneut.
Zum Maßstab der Bewertung hat man nun die Produktivität erkoren
und festgestellt, daß die in den USA gar nicht so bedeutsam
gestiegen sei, was das Land nun als Vorbild diskreditiere.
Wie abwegig gerade diese Aussage ist, soll ein Beispiel zeigen.
Man vergleiche 2 Volkswirtschaften und definiere die
Produktivität als Quotient aus Ausstoß an Gütern und
Dienstleistungen pro Arbeitsstunde oder aber auch pro
Arbeitnehmer. In beiden Volkswirtschaften wächst der Ausstoß an
Gütern und Dienstleistungen gleich schnell. In der einen
Volkswirtschaft wird eine wachsende Bevölkerung, auch durch
flexible Arbeitsmärkte, an der Erstellung der Güter beteiligt,
was zu einem ebenfalls schnellen Anstieg der Arbeitsstunden bzw.
der Arbeitnehmer führt. Folge: die Produktivität wächst nur
langsam. In der anderen Volkswirtschaft sind die Arbeitnehmer
z.B. durch die Lohnnebenkosten so teuer geworden, daß sie durch
die Unternehmen immer mehr durch Kapital ersetzt werden. Folge:
Die Produktivität steigt rasant an.
Welcher Volkswirtschaft geht es nun besser, welche ist
dynamischer? Aus europäischer Sicht liegt die Tragik in der
Beantwortung dieser Frage nun darin, daß sich unsere Politiker
verbal zwar weit mehr um die Sicherung der Arbeitnehmerrechte
sorgen, sich tatsächlich aber seit langer Zeit mit
Massenarbeitslosigkeit abgefunden zu haben scheinen. In der Tat
hat Europa ein vergleichbares Produktivitätswachstum wie die
Vereinigten Staaten. Nur ist es hier der Quotient aus geringerem
Wirtschaftswachstum und höherer Freisetzung von Arbeitskräften.
Was für ein Erfolg?! Und was für eine Option auf die Zukunft?!
Tönte der Bundeskanzler zum EU-Rat in Göteborg am Anfang des
Jahres noch "die EU werde die Rolle des Wachstumsmotors
übernehmen", so landet er jetzt bei der Aufgabe seiner
Versprechen "wegen äußerer Einflüsse". Gerade das
Beispiel der Produktivitätsentwicklung zeigt , daß die
Wirtschaft sich so einstellt, wie die Politik ihr die
Rahmenbedingungen richtet. Und wenn sie in einem Land
Beschäftigung und in einem anderen Arbeitslosigkeit
"produziert", dann liegt es nicht an der Wirtschaft
sondern an den Rahmenbedingungen. Nach 16 Jahren Aussitzen ist da
nun wahrlich keine "ruhige Hand" gefragt und das
Kaschieren europäischer Mißerfolge mit den Schwierigkeiten
anderer auch nicht. Das Beispiel Amerika hat erst dann
ausgedient, wenn wir es besser machen. In Europa scheint man es
aber derzeit immer nur besser zu wissen.
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